Lightroom ist vielen von uns zur zweiten Haut geworden. Trotzdem lohnt es sich, über den Tellerrand zu schauen und eine echte Alternative auszuprobieren: Capture One. Ich habe die Programme über Wochen in echten Jobs gegeneinander ausgetauscht und hier ist, was aus meiner Sicht zählt — ohne Bullshit, direkt aus der Praxis.
📷 Was machen RAW-Entwickler?
Im Kern sind beide Programme RAW-Entwickler. Es geht darum, die Rohdaten der Kamera zu interpretieren, Kontrast, Helligkeit und Farben zu formen, Fehler zu korrigieren und am Ende eine konsistente Bildserie herauszubekommen. Alles andere — Schriften, Overlays, generatives Zeug — ist Bonus, aber die Grundlagen müssen sitzen.
🎨 Bildqualität: Farben und erster Eindruck
Ein Bild in Capture One einfach öffnen und erstmal kurz staunen. Capture One interpretiert Farben anders als Lightroom — bei manchen Aufnahmen wirkt das Ergebnis deutlich lebendiger und farbtreuer. Ob du den Unterschied auf einem komprimierten Screen siehst, hängt vom Ausgangsmaterial und deinem Monitor ab. Entscheidend ist: der erste Eindruck war bei mir stark.

Das Bild unmittelbar nach dem Öffnen in Capture One — überraschend lebendige Farbwiedergabe.

Keine zusätzliche Spielerei, nur unterschiedliche RAW-Interpretationen führen hier zu einem anderen Look.
Farben und gerade wenn es darum geht, was unglaublich akkurat darzustellen, finde ich Capture One schon ein bisschen weiter vorne.
🧭 Oberfläche und Usability
Lightroom ist strukturiert: Auswahl hier, Bearbeitung dort. Capture One ist flexibler, aber auch unübersichtlicher, weil viele Module an verschiedenen Stellen liegen. Vorteil: du kannst dir eigene Werkzeuge-Layouts basteln — ein Profi-Feature, das aber Einarbeitung kostet.
Eigenes Workspace zusammenstellen: mächtig, aber nicht sofort selbsterklärend.
🔗 Ökosystem und Plugins
Lightroom + Photoshop sind ein Ökosystem, das überall unterstützt wird. Presets, Plugins, Tutorials — alles in rauen Mengen. Capture One hat eine starke Toolbox, doch das Angebot an Drittanbieter-Presets und -Plugins ist kleiner. Das ist ein echtes Kriterium, wenn du auf schnelle Erweiterungen und etabliertes Zubehör setzt.
🤖 KI-Funktionen: Retusche und KI-Crop
Bei KI-Tools gibt es kein klares „besser“. Lightroom hat starke Generative-Fill-Lösungen und Culling-Features, die Arbeitsabläufe beschleunigen. Capture One ist bei einigen KI-Funktionen hinterher, hat aber eine herausragende, eingebaute KI-Retusche für Haut.

KI-Retusche mit Regler: Pickel verschwinden, Hauttöne bleiben natürlich — extrem praktisch für Shootings.
Die KI-Crop-Funktion in Capture One ist clever umgesetzt: du gibst eine Referenz (Abstand Kopf zu Rand, Positionierung) und kannst dieses Zuschneideverhalten über eine Serie synchronisieren. Kein blindes Entscheiden durch die KI, sondern Orientierung an einer Vorlage.

KI-Crop orientiert sich an einer Referenz und lässt sich auf ganze Serien anwenden.
⚡ Stabilität und Tethering
Ein Bereich, in dem Capture One Lightroom deutlich überlegen ist: Stabilität beim Tethering. Capture One verbindet sich zuverlässig mit der Kamera, erkennt Bilder sofort und bleibt stabil. In Live-Shootings ist das Gold wert. Lightroom hat hier immer wieder Aussetzer oder flackert bei Verbindungen.

Tethering zuverlässig: Capture One bleibt verbunden, erkennt die Kamera stabil.
Studio-Workflow: präzise Farbkontrolle und Layout-Optionen, die im Live-Betrieb helfen.
💶 Preis und Lizenzmodelle
Preismäßig sind Lightroom (inkl. Photoshop) und Capture One näher beieinander, als man denkt. Capture One setzt klar auf Abo-Modelle, bietet aber auch eine Einmallizenz an. Vorteil der Einmalzahlung: du hast die Software dauerhaft. Nachteil: keine Updates für neue Kameras oder Betriebssysteme ohne zusätzliche Kosten.

Einmalkauf vs. Abo: Capture One bietet beides, wird aber zunehmend auf Abo ausgerichtet.
📱 Apps und mobiler Workflow
Beide Anbieter haben mobile Apps, doch die Zugänglichkeit unterscheidet sich. Adobe integriert Cloud, App und Desktop sehr gut ins Paket. Capture One verlangt dafür oft das größere Abo oder Zusatzkosten. Positiv überrascht hat mich die Möglichkeit, die Kamera direkt ans Smartphone oder Tablet anzuschließen und Bilder sofort auf einem mobilen Gerät zu zeigen — praktisch für schnelle Client-Reviews ohne Notebook.

Mobile Tethering: Bilder direkt aufs Tablet schicken und schnell zeigen oder verschicken. Starkes Feature für On-Location-Shootings.
✅ Fazit: Wann lohnt sich Capture One?
Capture One ist ein echtes Profiwerkzeug mit klaren Stärken:
- Farben und RAW-Interpretation – besonders bei Hauttönen und präziser Farbbearbeitung.
- Retusche – automatisierte Hautkorrektur mit Regler spart enorm Zeit.
- Stabilität beim Tethering – verlässlich für Studio- und Live-Shootings.
- Flexibles Workspace-Design – du formst das Programm nach deinem Workflow.
Gegenargumente sind:
- kleineres Plugin- und Preset-Ökosystem im Vergleich zu Lightroom
- App- und Cloud-Funktionen sind nicht so nahtlos und oft teurer
- die Lernkurve ist steiler
Meine Empfehlung: Teste beide ernsthaft mit deinen eigenen RAWs. Capture One lohnt sich, wenn du viel Studio-, Porträt- oder Werbefotografie machst und Wert auf präzise Farbe und stabiles Tethering legst. Lightroom bleibt die pragmatischere Allround-Option mit einem riesigen Ökosystem.
❓ Häufige Fragen
Ist Capture One für Hobbyfotografen sinnvoll?
Ja, wenn dir die Farbwiedergabe und die speziellen Retusche-Werkzeuge wichtig sind. Für viele Hobbyanwender ist Lightroom wegen der niedrigeren Einstiegshürde und des Ökosystems praktischer.
Wie stark unterscheiden sich die Farben wirklich?
Das hängt vom Bild ab. Manche RAWs zeigen deutliche Unterschiede, besonders bei Hauttönen und schwierigen Farben. Am besten eigene RAWs importieren und vergleichen.
Kann Capture One Lightroom und Photoshop ersetzen?
Capture One deckt viele Aufgaben von Lightroom ab und hat starke Retusche-Tools, ersetzt aber Photoshop nicht vollständig, wenn es um sehr komplexe Composites und grafische Arbeiten geht.
Wie stabil ist Tethering in Capture One?
Sehr stabil. Capture One verbindet sich zuverlässig mit Kameras und eignet sich hervorragend für Live-Shootings und Studio-Workflows.
Gibt es eine Empfehlung zu Lizenzmodellen?
Für Profis ist das Abo oft sinnvoll, weil es Updates und Support sichert. Die Einmallizenz ist eine Option, wenn du keine laufenden Kosten willst, akzeptierst aber fehlende Updates für neue Kameras oder Systeme.